Mich beschäftigt gerade eine Frage, die ich nicht ganz aus dem Kopf kriege: Wann lohnt es sich, ein Problem zu lösen, das fast nur in Deutschland (oder dem DACH-Raum) existiert – und wann ist das eine Sackgasse, weil man dann nie global skalieren kann?
Ein Beispiel, das mir gerade einfällt: Alles rund um das Thema Nebenkostenabrechnung. Das kennt in dieser Form kaum ein anderes Land. Oder die ganzen Eigenheiten beim Thema Barzahlung und Bargeldpräferenz. Oder wie kleinste Handwerksbetriebe mit Dokumentationspflichten umgehen. Da gibt es Schmerzen, die internationale Tools wie Quickbooks oder ähnliche einfach nicht lösen, weil die gar nicht auf deutsches Recht ausgelegt sind.
Ich frage mich: Gibt es da echte Chancen, also Nischen, die groß genug sind um ein Unternehmen drauf aufzubauen – obwohl oder gerade weil es kein globales Pendant gibt? Oder ist das immer ein Risiko, weil man irgendwann an eine Wachstumsgrenze stößt und kein VC das anfassen will?
Kann auch eine Chance sein, sowas als Bootstrapping-Projekt anzugehen, ohne den Skalierungsdruck. Aber ich bin mir nicht sicher ob das realistisch ist oder ob ich mir da etwas schönrede.
Freue mich über Einschätzungen, gerne auch konkrete Beispiele aus eigener Erfahrung!
Ich hab da einen anderen Blickwinkel. Ich hab mich mal intensiv mit HR-Tools beschäftigt – speziell in Bezug auf Remote-Setups (hatte dazu auch einen Thread hier zum Thema Remote-Arbeitszeiten). Was mich dabei am meisten überrascht hat: Wie viele internationale HR-Lösungen beim Thema Arbeitszeitkonto, Überstundenregelung nach deutschem Arbeitszeitgesetz oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einfach aufhören. Da gibt es massive Gaps.
Das ist kein Zufall. Die rechtliche Komplexität in Deutschland ist schlichtweg höher als in vielen anderen Märkten, und internationale Player haben schlicht keinen Anreiz, das sauber abzubilden solange der Markt nicht die Priorität hat.
Das heißt: Ja, es gibt echte Chancen. Aber ich würd aufpassen – die Lücken sind oft nicht deshalb Lücken, weil niemand schlau genug war. Manchmal sind die Lücken da weil das Produkt am Ende echt teuer zu bauen ist und der Markt trotzdem begrenzt bleibt. Das muss man ehrlich kalkulieren.
Ehrlich gesagt: manchmal ist klein halt klein. Nicht jede Idee muss skalieren. Wenn du mit einem deutschlandspezifischen Tool 500k ARR machst und kein VC brauchst – was ist daran falsch?
Gute Frage, die ich mir auch schon oft gestellt habe. Ich glaube, der Schlüssel liegt darin, zwischen 'deutschlandspezifisch' und 'deutschlandexklusiv' zu unterscheiden. Nebenkostenabrechnung ist ein gutes Beispiel – das gibt es in ähnlicher Form auch in Österreich, der Schweiz, teilweise den Niederlanden. Wenn du den DACH-Markt als Zielmarkt definierst, bist du bei 100+ Millionen Menschen. Das reicht für ein gesundes Unternehmen.
Das eigentliche Problem ist meiner Erfahrung nach ein anderes: Viele Investoren – insbesondere amerikanische – verstehen den deutschen Markt nicht und bepreisen das als Risiko. Das heißt aber nicht, dass das Geschäft schlecht ist. Es heißt nur, dass klassisches VC-Funding schwieriger wird.
Was ich interessant finde: Genau diese Nischen sind oft erstaunlich gut vor internationaler Konkurrenz geschützt, weil US-Startups den Aufwand scheuen, sich in deutsches Steuer- oder Mietrecht einzuarbeiten. Das kann ein echter Moat sein, den man nicht unterschätzen sollte.
Ich seh das etwas anders als die Vorposter. 'Deutschlandspezifisch' ist für mich kein Moat per se, das ist erstmal nur ein kleinerer adressierbarer Markt. Die Frage die ich mir stelle ist: Lässt sich das Problem abstrahieren?
Nebenkostenabrechnung klingt sehr lokal. Aber eigentlich ist das Kern-Problem 'komplexe, gesetzlich geregelte Kostenumlage zwischen mehreren Parteien mit Dokumentationspflicht'. Das gibt es in anderen Formen auch in Frankreich, Japan, Australien. Wer ein Produkt baut das dieses abstrakte Problem löst und Deutschland als erstem Markt nimmt, hat eine klare Internationalisierungsoption. Wer nur auf die deutsche Spezifik optimiert, baut eine Sackgasse.
Ich hab mich hier im Forum schon öfter über die fehlende Ambition bei B2B-Gründungen ausgelassen – der Thread über Standard-SaaS geht in eine ähnliche Richtung. Mein Fazit dort und hier: Der deutsche Markt als Startpunkt ist völlig legitim. Aber wer von Anfang an nur Deutschland denkt, verbaut sich Optionen.