Hey zusammen,
ich bin seit gut einem Jahr dabei, neben meinem Vollzeitjob als Projektmanager eine SaaS-Lösung für Zeiterfassung aufzubauen. Komplett ohne Investoren, aus eigener Tasche. Bisher läuft es solide, aber ich merke, dass ich an einigen Stellen einfach nicht effizient genug vorgehehe.
Meine größte Herausforderung: die Zeit. Abends nach der Arbeit und am Wochenende entwickle ich weiter, aber der Fortschritt fühlt sich oft zu langsam an. Ich frage mich manchmal, ob ich die falschen Prioritäten setze.
Folgendes würde mich konkret interessieren:
- Wie habt ihr entschieden, welche Features ihr zuerst baut und welche ihr weglasst?
- Habt ihr Tools oder Methoden genutzt, um euer Budget möglichst lang zu strecken?
- Wie geht ihr mit dem Gefühl um, dass alles so viel länger dauert als geplant?
- Hat jemand Erfahrung damit, erste Kunden noch in der Entwicklungsphase zu gewinnen, um schon früh Feedback (und vielleicht Voreinnahmen) zu bekommen?
Ich finde, gerade im Sommer wenn man eigentlich Urlaub machen sollte und die Motivation manchmal hängt, ist sowas besonders schwierig.
Wäre super wenn jemand der das schon durchgemacht hat ein paar ehrliche Einblicke teilen kann. Keine Hochglanz-Success-Stories, lieber das was wirklich geholfen hat.
Danke schonmal!
Sebastian
Ich bin da vielleicht etwas skeptischer als die anderen hier. Der Zeiterfassungsmarkt ist wirklich brutal besetzt – das hatte ich auch mal in einem anderen Kontext angesprochen, wenn eine SaaS-Idee schon x-mal vorhanden ist, lohnt sich da wirklich der Einstieg?
Das soll dich nicht entmutigen, aber die Frage nach der Nische ist entscheidend. Was ich in 15 Jahren Beratung gelernt habe: Solo-Bootstrapper scheitern selten an fehlendem Code, sondern daran, dass sie kein klares Kundensegment ansteuern. Zeiterfassung für wen genau? Agenturen? Handwerker? Remote-Teams?
Zur konkreten Frage 'Wie halte ich Budget lang genug': AWS Free Tier nutzen solange es geht, keine Buchhaltungssoftware kaufen bis du Umsatz hast, und bei Tools wirklich radikal priorisieren. Ich sehe regelmäßig Bootstrapper die 400-500€ im Monat für SaaS-Tools ausgeben bevor sie den ersten Euro verdient haben. Das ist ein klassischer Fehler.
Und das Zeitgefühl: Neben Vollzeitjob brauchst du realistisch 18-24 Monate bis zu einem stabilen Produkt. Wer das nicht akzeptiert, bricht früher ab.
Ich schaue aus der Branding-Perspektive drauf und ergänze mal was anderes: Viele Bootstrapper verschieben Marke und Positionierung auf 'später' und das rächt sich. Wenn du früh klar bist wer du bist und für wen, dann zieht dein MVP die richtigen Kunden an – und die sind auch bereit, früh zu zahlen.
Gerade im Sommerhalbjahr, da hatte ich ja mal was zur reduzierten Arbeitszeit im Sommer gepostet, merke ich persönlich dass die Energie knapper ist. Das kann man nutzen um strategisch zu denken statt im Hamsterrad zu sitzen.
Ein konkreter Tipp: Mach ein einfaches Positionierungsstatement – für wen ist deine Zeiterfassung, warum ist sie anders als Toggl oder Clockify? Das schärft auch intern deine Feature-Entscheidungen. Wenn du das nicht klar beantworten kannst, baust du wahrscheinlich für niemanden bestimmtes.
Ich kann aus technischer Sicht ein paar Dinge beitragen. Feature-Priorisierung ist bei Solo-Bootstrappern eigentlich das A und O – und die meisten machen da denselben Fehler: Sie bauen was sie interessant finden statt was Kunden brauchen.
Konkret würde ich empfehlen:
1. Einen absoluten MVP definieren, der aus nicht mehr als 3 Kernfunktionen besteht. Alles andere ist Feature-Creep.
2. Frühzeitig auf managed Services setzen (AWS, Supabase, etc.) statt eigene Infrastruktur zu bauen. Das spart enorm Entwicklungszeit.
3. Keine eigene Auth, kein eigenes Payment – dafür gibt es fertige Lösungen.
Zum Thema Voreinnahmen: Ich habe in Projekten erlebt, dass sogenannte 'Founding Member'-Angebote sehr gut funktionieren. Du verkaufst quasi einen Lifetime-Deal zu reduziertem Preis an Early Adopter. Das bringt nicht nur Geld, sondern zwingt dich auch, frühzeitig mit echten Nutzern zu reden.
Bei Zeiterfassungs-SaaS würde ich außerdem sehr genau schauen, welche Nische du bedienst. Der Markt ist gesättigt, aber es gibt immer noch White Spots – z.B. spezifische Branchen oder Unternehmensgrößen. Das ist auch rechtlich relevant wenn du später in EU-Märkte willst, Stichwort Arbeitszeitrichtlinie.
Hey Sebastian, super Thema! Ich bin zwar noch in einer ganz anderen Phase (suche gerade noch einen Tech-Co-Founder für meine App-Idee), aber ich finde es ehrlich gesagt bewundernswert dass du das alleine durchziehst. Hast du schon mal drüber nachgedacht ob ein Mitgründer das Tempo erhöhen würde? Ich hatte mal in einem anderen Thread gelesen dass gerade bei SaaS der zweite Mann oft den entscheidenden Unterschied macht bei der Entwicklungsgeschwindigkeit. Ich selbst stehe ja noch vor ganz anderen Fragen, aber vielleicht ist das ein Denkanstoß?