Hallo zusammen,
ich sitze gerade hier und versuche, mir einen klaren Plan zu machen wie ich meine erste Finanzierungsrunde überhaupt angehe. Wir sind jetzt seit drei Jahren am Aufbauen, haben ein funktionierendes Produkt und erste zahlende Kunden – aber so richtig weiß ich nicht, wo ich anfangen soll wenn es darum geht, externe Investoren reinzuholen.
Das Problem ist: Ich lese überall unterschiedliche Aussagen. Die einen sagen, man braucht zuerst ein wasserdichtes Pitch Deck, andere schwören auf den Businessplan, wieder andere meinen man soll einfach anfangen Gespräche zu führen und den Rest ergibt sich.
Was mich konkret beschäftigt:
- Wie viel Zeit sollte ich einplanen von den ersten Gesprächen bis zum Term Sheet? Reden wir von Wochen oder eher 6+ Monate?
- Gibt es einen sinnvollen Prozess, den man wirklich strukturiert durchgehen sollte? Also so eine Art Reihenfolge die Sinn ergibt?
- Ich überlege auch ob strategische Kooperationspartner vielleicht ein sinnvoller Einstieg wären bevor man zu klassischen VCs geht – hat da jemand Erfahrungen?
Ich merke, dass ich gerade in alle Richtungen denke ohne einen roten Faden. Der Sommer ist eigentlich gut für Vorbereitung, aber ich will die Zeit sinnvoll nutzen statt einfach planlos Gespräche zu führen.
Freue mich über jeden Erfahrungsbericht – egal ob positiv oder negativ!
Marcus
Ich bin kein Finanzierungsexperte im klassischen Sinne, aber nach 40 Jahren Berufserfahrung kann ich eines sagen: Investoren kaufen letztlich Menschen und Vertrauen, nicht nur Zahlen auf Papier.
Was ich in vielen Gesprächen mit Gründern hier im Forum beobachte – und das deckt sich mit dem was ich auch im Methodenmix-Thread geschrieben hab – ist dass eine klare, technisch fundierte Darstellung der eigenen Lösung oft unterschätzt wird. Gerade bei Tech-Startups.
Mein Tipp: Kannst du einem fachfremden Menschen in 5 Minuten erklären was dein Produkt macht, warum es besser ist, und warum genau du der richtige bist das umzusetzen? Wenn nicht, ist das der erste Hausaufgabenpunkt. Der Rest folgt.
Marcus, ich kenn das Gefühl. Nach meinen drei Gründungen kann ich dir sagen: der häufigste Fehler ist, zu früh in zu viele Gespräche zu gehen ohne vorher intern Klarheit zu haben.
Mein ehrlicher Rat: Bevor du irgendeinen Investor anschreibst, beantworte dir selbst drei Fragen so präzise wie möglich – Warum jetzt Kapital? Wie viel genau und wofür (aufgeschlüsselt)? Und was gibt du dafür ab? Klingt simpel, aber die meisten Gründer stolpern genau da.
Zum Timing: Rechne mit mindestens 4-6 Monaten realistisch, eher mehr. Der Sommer ist tatsächlich gut zum Vorbereiten, weil viele Investoren eh weniger aktiv sind. Die Pipeline aufbauen, Unterlagen sauber machen, Netzwerk aktivieren – und dann ab September/Oktober richtig loslegen.
Dein Gedanke mit strategischen Kooperationspartnern als Einstieg ist interessant und kann Sinn machen, aber pass auf: strategische Investoren haben oft andere Interessen als reine Financial Investors. Das kann später bei der nächsten Runde kompliziert werden. Nicht ausschließen, aber mit offenen Augen reingehen.
Kurz und knapp: Der Prozess ist eigentlich immer gleich – Story klar, Zahlen sauber, Liste priorisieren, parallel pitchen. Was die meisten unterschätzen ist die Parallelität. Viele Investoren seriell anzugehen kostet dich ein Jahr, alle gleichzeitig anzugehen erzeugt Druck und beschleunigt Entscheidungen.
Ich hab mich im Design Thinking vs. Lean Startup Thread schon mal dazu geäußert wie man Annahmen validiert bevor man skaliert – das gilt übrigens auch für die Investorensuche. Treat it like a sales funnel. Du brauchst Volumen oben, damit unten was rauskommt.
Zum Sommertiming: Ich würde jetzt genau das nutzen was Michael schon gesagt hat – Vorbereitung. Investor-Tracking-Sheet aufsetzen, Warm Intros identifizieren (wer aus deinem Netzwerk kennt wen?), Financials in Ordnung bringen. Das sind die Dinge, die im Stress des aktiven Fundraisings keiner mehr ordentlich macht.
15 Jahre Beratung, da hab ich einige Finanzierungsrunden von außen begleitet. Was mich immer wieder überrascht hat: Gründer die sich monatelang auf den Pitch vorbereiten aber kaum Zeit in die Marktargumentation investieren.
Investoren wollen wissen: Wie groß ist der Markt wirklich, und wie kommst du auf diese Zahl? Bauchgefühl oder Top-down-Schätzungen aus irgendwelchen Studien überzeugen keinen erfahrenen Investor. Bottom-up-Rechnung ausgehend von echten Kundendaten ist viel stärker.
Und zum Timing: Sommer ist tatsächlich Vorbereitungszeit. Aber nutz ihn auch für echte Marktforschung – sprich mit potenziellen Kunden, validier deine Wachstumsannahmen. Das macht deinen Pitch im Herbst substanziell stärker als jedes schön gestaltete Deck.